Liebe Brille, 

jetzt verbringe ich bereits mehr Lebenszeit mit Dir, als vorher ohne Dich.

Ich weiß noch genau, wie ich Dich das erste Mal in der Schule dabei hatte. Meine Klassenlehrerin in der Siebten meinte: Naja, dann klappt’s ab jetzt vielleicht auch mit Mathe. Dem war nicht so. Dafür erkannte ich von weitem wieder alles und lief nicht mehr freundlich winkend auf fremde Leute zu.

Dann habe ich mich jahrelang von Dir abgewandt, um eine tiefe Beziehung mit weichen Kontaktlinsen einzugehen. Erst als ich im Job stundenlang vor dem Computer saß, zog es mich dauerhaft zu Dir zurück. So hat es sich eigentlich über die Jahre immer mehr stabilisiert und dann traf ich genau Dich und guckte keine andere mehr an. Ich war auch vorher kein Brillenvamp, der es gleich mit mehreren machte oder eine nach der anderen verschlang. Aber ab und zu ein wenig frischen Wind, das gefiel mir schon. Wir, meine Liebe, sind nun seit drei Jahren zusammen, wie der gute Herr Pfeiffer diese Woche bestätigte. Und ich dachte, es seien erst zwei!

Als wir kürzlich in einem Termin saßen und ich in die Morgensonne blickte, konnte ich schlecht sehen. Schmutz, dachte ich, und rieb mit dem nächstbesten Stoffstück auf Dir herum. Unsere Beziehung ist meinerseits nicht von großer Fürsorge geprägt. Ich habe nie ein Etui mit so einem Putzläppchen dabei. Seit der Kinder höchstens ein Taschentuch. Alle paar Tage flitze ich morgens zurück in die Küche und der gute, grüne Kristallreiniger wird gezückt. Basta.

Als ich Dich an diesem Morgen wieder auf der Nase zurechtrückte war immer noch nichts mit Durchblick. Es waren Kratzer. Richtig, richtig viele. Klar, da kann man denken: wie konntest du das denn vorher nicht bemerkt haben? Natürlich gab es Zeichen, aber ich habe sie aus Bequemlichkeit wohl abgetan. Wie es manchmal eben so läuft… Nun erkannte ich den Ernst der Lage und wir gingen zu Herrn Pfeiffer. Der merkte direkt, dass an einen Ersatz für Dich nicht zu denken war und ich bestellte zwei neue Gläser. Die kommen in den nächsten Tagen an.

Ob ich Besserung gelobe, fragst Du? Du weißt ich bin keine Freundin von leeren Versprechungen und diese Putztücher…I don’t think so. Doch diese Episode hat mich sensibilisiert und meine Wertschätzung für Deinen täglichen Einsatz ist unendlich. Ich danke Dir, dass ich durch Dich die Welt bunt und in all ihren Konturen aufsaugen kann, dass ich meine Realität wahrnehme, die Gesichter meiner Kinder lese und Buchstaben verschlinge. Du bist das wichtigste und wertvollste Stück, dass ich morgens anziehe. In vergangenen Zeiten wäre ich wohl längst mausetot. Im Yoga heißt es, dass die Augen nicht alles aufnehmen brauchen und so schaue ich manchmal extra ins Verschwommene. Dich jedoch ganz in der Nähe zu wissen, für meinen ganz eigenen Durchblick – das stimmt mich froh.

Mit Demut und Dank,

Deine Jenny

 

Zuletzt im Bog:

Jobfrust: Kurz mal den Kopf aus dem Sand? Berufliche Veränderung eine Reflektionsübung. 

 

Liebeserklärung an eine Brille.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.